Di 14. Feb 2012, 10:05
Der erste Schnee des JahresIm Central Park lebt eine alte Frau, eine Obdachlose deren Grinsen Kinder zum Weinen
bringt. Es ist eine schreckliche Alte, fett und bucklig watschelt sie durch den Park und schiebt
einen rostigen Einkaufswagen vor sich her. Sie trägt einen viel zu großen Mantel und auch
wenn die Sonne brennt öffnet sie nicht einen einzigen Knopf. Die Manteltaschen sind
ausgebeult, voller Abfall und manchmal sehen neugierige Kinder, wie sie sich etwas aus den
Taschen in ihren Mund stopft. Ihr Lächeln ist grausam. Manche der Zähne sind spitz wie
Nägel und ihr Atem stinkt nach altem Laub. Ihr Gesicht ist voller Dreck, so dass selbst
Würmer darin tagelang Tunnel graben könnten, ohne die Haut ihrer Wangen zu berühren.
Und ihre Augen… Es sind die Augen eines Geiers: Aufmerksam, suchend und gierig.
Ich beobachte sie schon länger. Vater machte mich auf sie aufmerksam. Einst, so heißt es, war
sie ihm zu Diensten. Sie war eine von Vieren und brachte die Seelen der Toten in den
Tartarus, den Ort der Qualen. Sie strafte im Namen meines Vaters. Aber seitdem ist viel Zeit
vergangen und die Dinge haben sich verändert. Sie ist fett und träge geworden. Lebt für ihre
Lüste und hat den Obersten der Olympier verraten. Hat gehurt und gemordet, gefressen und
geschändet. Ihre Zeit ist gekommen, sie wird den ersten Schnee dieses Jahres nicht fallen
sehen.
Die Alte hat einen festen Tagesablauf. Jetzt im Herbst frisst sie noch mehr als sonst. Morgens
wankt sie mit ihrem rostigen Einkaufswagen über die Wege im Central Park. Sie spricht mit
niemandem. Ihr Kopf pendelt rhythmisch von links nach rechts. Der Mantel schleift über den
Asphalt, wie ein modriger Brautschleier. Ihr Einkaufswagen ist mit Zeitungspapier und
Wolldecken bedeckt, keiner weiß was darin ist. Jogger umrunden sie großzügig und
Hundebesitzer leinen ihre Tiere an. Sie macht an Mülleimern halt. Greift mit ihren groben
Händen in die Eimer, schiebt Papier und Plastik zur Seite, krallt sich Essensreste und steckt
sie in ihre Manteltaschen. Manchmal setzt sie sich. Es scheint ihr schwer zu fallen gerade zu
sitzen. Sie liegt wie ein Rückenkranker auf den schäbigen Parkbänken. Aber ihre Augen sind
nie geschlossen. Sie sieht den Hunden zu. Sieht Söhne mit ihren Vätern spielen und fährt sich
mit der Zunge über ihre aufgesprungenen, dreckigen Lippen. Ihre Hände entspannen sich,
fahren über den groben Stoff ihres Mantels und manchmal, wenn der Wind günstig ist oder
wenn man zufällig in ihrer Nähe steht, dann hört man ein Gurren wie von einer Taube.
Mittags verlässt sie den Park. Die Menschen in New York versuchen sie so gut es geht zu
ignorieren, aber der Gestank erinnert sie immer daran, dass sie da ist. Der Einkaufswagen
scheppert über den Asphalt. Ihr Weg führt sie in die feuchte Gasse hinter dem großen
Schlachthaus. Hier durchstöbert sie die Mülltonnen. Ihre bloße Anwesenheit verscheucht die
Ratten, die hier an Knochen nagen um das Mark zu lecken. Sie steckt eine triefende
Kostbarkeit nach der anderen in ihre Manteltaschen.
Ab und an trifft sie hier einen anderen Hungrigen. Oft sind es Männer denen das Leben übel
mitgespielt hat. Dem Alkohol verfallen, merken sie nicht mit wem sie es zu tun haben. Wenn
sie sich einen herausgepickt hat, säuselt sie ihm Worte ins Ohr, bis er lacht. Man sieht sie
zusammen ein paar Schritte gehen. Sie teilen sich den Fusel und drücken sich in eine Ecke in
der die Kanaldeckel in der kalten Luft dampfen. Sein Bart ist ungepflegt, seine Augen grau
und der Körper schmächtig wie ein Vogelgerippe. Er nestelt an seiner Jacke, kichert wie ein
Schuljunge und sie streicht ihm zärtlich über das Gesicht, mit Händen wie Fleischbrocken.
Als seine Hose zu Boden geht, lässt ihr kehliges Lachen die Tauben von den Dächern fliegen.
Dann flüstert sie ihm ins Ohr: „Mach das es schön wird, Liebster“ und öffnet ihren Mantel.
Sein Schreien erstickt sie mit einem nassen Kuss. Wenn sie fertig ist, ist er nichts mehr als ein
zitterndes Etwas. Er weint. Sie beugt sich hinab und hüllt ihn in ihren Mantel. Hier, in der
stinkenden Höhle zerfleischt sie ihn mit ihren spitzen Zähnen. Bissen um Bissen. Die Reste
schiebt sie in ihren Mantel. Die blutige Kleidung landet im Einkaufswagen. Dann verlässt sie
die Gasse und die Ratten kehren vorsichtig zurück.
Am Abend sucht sie die Schatten der Bäume. Sie schläft an unterschiedlichen Orten, doch
immer weit ab der Wege. Sie sucht sich engstehende Bäume, schiebt ihren Wagen vorsichtig
über die unebene Erde und blickt sich gewissenhaft um. Es vergehen hin und wieder Stunden
bevor sie sich zur Ruhe legt. Sie beobachtet und lauscht in der Dunkelheit. Schaut zu den
Laternen im Central Park, hört die Gesänge von Betrunkenen und das Kläffen von Hunden.
Erst, wenn alles sicher ist, schiebt sie die Zeitungen und Decken in ihrem Wagen zur Seite.
Die blutigen Stofffetzen ihrer Opfer landen auf dem Boden. Dann steigt die Alte, ziemlich
geschickt, in ihren Einkaufswagen. Etwas Weißes schimmert darin. Sie wickelt es in ihren
Mantel, wärmt es und gurrt zufrieden. So sitzt sie, unbewegt und wachsam bis zum
Morgengrauen.
Ich habe mir einen Revolver gekauft. In New York ist das nicht schwer und wenn man die
richtigen Leute kennt, braucht man nicht mal warten. Er wird mir helfen meine Aufgabe zu
erledigen. Ich werde sie überraschen. Zwei Kugeln in den Kopf, eine ins Herz und eine in den
Magen. Das ist mein Plan. Sollte sie etwas bemerken, werde ich mich auf meine anderen
Fähigkeiten verlassen müssen. Ich denke nicht, dass das nötig sein wird. Meine Tarnung ist
gut. Ich trage einen abgetragenen Mantel. Schlamm an Schuhen und Hose. Mein Atem riecht
nach billigem Wodka und Zahnbelag. Das Haar struppig und fettig. Der kratzige Bart besorgt
den Rest.
Ich warte hinter dem Schlachthaus. Der Geruch in der Gasse macht mich fertig. Fettiges
Fleisch und lauwarmes Abwasser. Ich ertaste den Revolver. Sicher verstaut in der
Innentasche. Eine Ratte quietscht. Ich trete sie mit dem Stiefel weg. Eine weitere trippelt an
mir vorbei. Tauben flattern davon.
Da ist sie.
Ich habe sie lange beobachtet, aber so nah war ich ihr nie. Ich nehme einen Schluck aus
meiner Flasche und blicke in ihre Richtung. Sie wühlt in der Mülltonne. Ein fingerdickes
Stück Fett wandert in ihren Mund. Sie schlürft es durch ihre Lippen wie eine halbgare
Spaghetti. Ich will näher kommen, doch sie hat mich schon gesehen. Sie hat genug
Fleischabfälle für heute, sie will was Frisches. Je näher sie kommt, umso höher steigt meine
Magensäure. Ich drücke sie mit einem kräftigen Zug Wodka runter. Die Alte mustert mich.
Ihr Gesicht ist ein Klumpen, aber ihre Augen sind scharf wie Reißzähne.
„Hey…du“, gurrt sie und leckt sich über die Lippen. „Bist so einsam hier, schöner Mann?“
Ich gehe einen Schritt auf sie zu. Versuche durch den Mund zu atmen. Brumme sie an und
reiche ihr meine Flasche. Ihre Lippen spitzen sich, als sie den Wodka hinunterstürzt.
„Ahhhh.“ Klingt wie das Rasseln einer Kette. Ich lasse sie näher kommen. Sie fährt mit ihrem
Finger über meinen Mantel und zwitschert mir Schmutziges zu. Sie nimmt noch einen Zug
aus der Flasche. Leer. Klirrend zersplittert das Glas auf dem Asphalt. Die Alte gackert. Sie
schmiegt sich an mich. Keine Hand passt mehr zwischen uns. Ich rieche ihren Atem. Sehe
ihre Raubvogelaugen. Sie öffnet meinen Gürtel und gluckst. Sie ist gierig. Ich taste nach
ihrem Mantel. Reiße an den Knöpfen. Sehe nackte, dreckige Haut. Und Federn.
Ich trete sie weg. Reiße den Revolver raus. Sie kreischt wie ein Habicht. Ihr Mantel springt
auf. Ihre Fettwülste rollen aus dem schmutzigen Stoff. Sie ist nackt. Bis auf die Federn!
Schmierige, rostrote Federn. Ihre Beine enden in kräftigen, giftgelben Vogelbeinen mit
schwarzen Klauen.
Sie reißt ihre Augen weit auf – schneeweiß vor Überraschung.
Die erste Kugel trifft die Harpyie in den Magen.
Sie lässt Federn.
Sie schreit. Wie eine Furie schlägt sie um sich. Sie wirft den Mantel ab. Schwingen schlagen
mir entgegen. Ich feure weiter. Ins Herz der Bestie. Dunkelrotes Blut spritzt mir entgegen. Sie
beißt in meine Schulter. Ich höre Stoff und Fleisch reißen. Ihre Hiebe sind heftig wie
Hammerschläge – sie versucht mich zu Boden zu drücken.
Doch der Revolver schweigt nicht.
Ich gebe ihr die volle Ladung, ins Gesicht. Blut spritzt an die Hauswand. Sie hat genug. Setzt
zum Flug an. Sie muss Jahre nicht geflogen sein und findet keinen Rhythmus. Sie flattert im
Todeskampf. Die Flügel peitschen mir ins Gesicht. In die Augen, in den Mund. Ich schmecke
Federn. Sie tritt wie ein Hahn, reißt mir die Oberschenkel auf. Ich verpasse ihr meinen besten
Schuss: Eine Kugel direkt zwischen die Augen. Der Adler ist gelandet – für immer.
Ich binde meinen Gürtel um den Oberschenkel. Die Blutung lässt nach. Die Harpyie zerfällt
langsam. Die Federn werden vom Wind davongetragen wie Herbstlaub. Jetzt hab ich Zeit
ihren Schatz zu untersuchen. Der Einkaufswagen steht an den Mülltonnen. Ich humpele hin.
Der Wagen stinkt wie eine Horde läufiger Katzen und ich versuche nicht zu atmen, als ich die
Decken und Zeitungen wegschiebe. Ein Haufen weißer Eier. In einigen regt sich etwas
Rosanes. Ich hatte so was geahnt. Erst paart sie sich. Dann frisst sie. Dann brütet sie. Ich
zerschmettere die Eier auf dem kalten Asphalt. Die Ratten werden es mir danken.
Als ich die Gasse verlasse, fängt es ganz vorsichtig an zu schneien. Ich halte mich an der
Hauswand fest. Es ist ein verdammt kalter Tag, aber eigentlich noch zu früh für Schnee.
Zuletzt geändert von Cooper am Di 14. Feb 2012, 10:08, insgesamt 1-mal geändert.